Das Rezept ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Denn als Ausgangsbasis dient: Klärschlamm. Man nehme die festen Bestandteile der Brühe, ruhig auch das reichlich vorhandene Toilettenpapier, verkoche es bei hohen Temperaturen zu Granulat, mahle es sodann und füge einige Sojaproteine hinzu. Fertig ist »Jinko Nikku«, ein neuartiger Fleischersatz. Geschmacklich läßt die Kreation von Mitsuyuki Ikeda, einem Wissenschaftler aus dem japanischen Okayama, noch etwas zu wünschen übrig: Erste Testesser erinnerte sie an alte Hähnchen mit einem leichten Hauch von Fisch. Das ließe sich aber regeln: Die moderne Lebensmittelproduktion hat ja manches Mittel entwickelt, um den Geschmack zu manipulieren und selbst penetranten Hautgout zu maskieren.
Trotz kleinerer Mängel markiert die Erfindung einen neuen Höhepunkt im Ingenieursschaffen.
Wo man Huhn schmeckt ist Huhn drin, wo pralle Kirschen auf der Packung abgebildet sind, finden sich auch Kirschen im Inhalt. Das gilt in der schönen neuen Welt des Industriegeschmacks nur noch selten. Längst würde die weltweite Ernte von Erdbeeren nicht mehr ausreichen, um alle Erdbeerjoghurts und -drinks dieser Welt zu aromatisieren. Was ein Großteil der Menschen schmeckt ist längst ein Produkt, das in den Laboren der Aromastoffproduzenten gemixt wurde. "Die Suppe lügt - Die schöne neue Welt des Essens" - so der plakative Titel eines Buchs von Ulrich Grimm. Wer das gelesen hat, wirft häufiger einen Blick aufs Etikett. Denn es ist nicht immer drin, wonach es aussieht.
In seinem Buch "Die Ernährungslüge" ging Hans-Ulrich Grimm auf Glutamat und Farbstoffe ein und beschrieb eindrucksvoll, welche Wirkung diese und andere Stoffe auf das Gehirn haben. In "Die Suppe lügt" geht's um Aromen. Die vermeintlich natürlichen und die naturidentischen. Und darum, warum all diese Stoffe so, ja sagen wir ruhig, gefährlich sein können. Dass wir schmecken hat ja durchaus seinen Sinn. Der Geschmack zeigt uns in den meisten Füllen an,
was genießbar ist und was nicht. Was aber, wenn wir ständig getäuscht werden und unsere Nahrung uns vorgaukelt etwas zu sein, was sie gar nicht ist? Bestes Beispiel sind die künstlichen Süßstoffe. Die vermeintlichen Light-Brausen mit 1 Kalorie suggerieren (oder zuckerieren?) uns, dass wir das pappsüße Zeugs literweise konsumieren können ohne zuzunehmen. Ein Trugschluss. Kennen Sie einen schlanken Menschen, der Unmengen an Light-Getränken zu sich nimmt? Die meisten tendieren wohl eher zum Gegenteil. Und das hat einen Grund: Der süße Geschmack signalisiert dem Körper, dass er sich gleich daran machen kann, den Zucker abzubauen. Der Körper schüttet dann Insulin aus, doch der erwartete Zucker bleibt aus. Darauf reagiert der Körper vor allem mit einem: "Cephalischem Insulin-Reflex", zu gut deutsch Heißhunger. Amerikanische Studien haben gezeigt, dass Frauen, die viel Süßtoff zu sich nahmen stärker zulegten als jene, die mehr Zucker aßen. Fast am?sant, wenn es nicht so traurig wäre: Saccharin, der älteste synthetische Süßstoff, "ist in der EU-Futtermittelverordnung für die Ferkelfütterung zugelassen, unter der der Rubrik 'appetitanregende Stoffe'", schreibt Grimm. Und wo wir schon mal bei den Schweinen sind: Auch unsere Haustiere kommen heutzutage nicht um Aromastoffe herum.
In Versuchen stellte man fest, dass Schweine unglaublich auf Erdbeeren mit Sahne abfahren, genauer gesagt auf den Geschmack der selbigen. Die Aromastoffe wurden der Fischmehlpampe zugesetzt und schon legten die Ferkel mehr zu als die Kontrollgruppe, die auf den exquisiten Geschmack verzichten musste. Bei Fischmehl würde mir persönlich auch der Appetit vergehen. Die Aroma-Tüftler kriegen aber auch Geschm?cker hin wie "Trüffel", "Heu und Kraut" oder "Maus" und "Regenwurm" (letzteres für Hühner). Dazu merkt Grimm an: "[...] eine besonders bewundernswerte Leistung der Labor-Mannschaft, vor allem hinsichtlich der sicher schwierigen Untersuchung, wie denn wohl das Original schmeckt."
Und vor lauter Aromastoffe, merken wir gar nicht mehr, was uns alles untergejubelt wird. "Der Geschmack, der eigentlich die Körperfunktionen in die richtige Richtung lenken sollte, ist endgültig eliminiert worden", so ein Fazit des Autors.
Grimm, ehemals Spiegel-Redakteur, recherchiert hervorragend, deckt auf und prangert an. Er zeigt, wie wir an der Nase herumgef?hrt werden und wie mächtig die Lebensmittelkonzerne schon sind. Hierzulande darf sich vieles hinter "Aroma" verstecken, was seinen Ursprung im Labor hat, sogar "natürlich" darf es sein, wenn es auch nur irgendwo in der Natur vorkommt. In den USA ist die Kennzeichnugnspflicht bisweilen besser: Künstliche Aromen müssen als solche auch erwähnt werden, vermeintlich geräucherte Produkte, die nur mit flüssigem Rauch geduscht wurden, müssen einen Hinweis tragen. Das bereits erwähnte Saccharin musste in Amiland übrigens jahrelang folgenden Zusatz haben: "Die Verwendung dieses Produkts kann Ihrer Gesundheit schaden. Dieses Produkt enthält Saccharin, das in Tierversuchen Krebs ausgelöst hat."
Gegen Ende widmet sich Grimm noch einem meiner Lieblingsthemen: Tütenware und Dosenkost ist selbst bei den Discountern teurer als Selbstgemachtes. Seine Berechnungen für Tütensuppen und Frikassee sind mehr als nachvollziehbar. Trotzdem sparen die Deutschen bei nix so sehr wie bei den Lebensmitteln. Grimm meint, dass uns bei dem Preiskampf der Discounter das Bewußtsein für den Wert der Lebensmittel verlorengegangen ist: "Niemand stört sich daran, 15 Euro auszugeben für einen Liter Motorenöl. Es geht schließlich ums Auto, und da wollen wir nicht mit irgendwelchen Billigölen experimentieren. Das Salatöl aber soll höchstens 1,99 Euro kosten." Darüber denken die wenigsten nach. Und zahlen klaglos im Café 3,50 für einen Latte Macchiato, während das Pfund Kaffee mit 3,50 Euro schon als zu teuer empfunden wird.
Grimm, der seit einiger Zeit im Netz als Food-Detektiv unterwegs ist, bleibt bei all den Fakten leicht und spannend zu lesen. Ich habe das Buch verschlungen und schaue jetzt noch öfter auf die Zutatenliste. Und wer genau hinguckt, der findet auch Alternativen. Muss ja nicht sein, dass Schokolade oder Mayonnaise zusätzliche Aromen beigef?gt werden. Und im Zweifelsfall: selber machen!
Von Claudia am Aug 19, 2006 | In Rezensionen | 11 Feedbacks
Die Suppe Luegt.pdfhttp://home.arcor.de/alusc