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5. Oktober 2010

Physik-Nobelpreis für die Entdecker des Graphen

Physik-Nobelpreis für die Entdecker des Graphen
„Maschendrahtzaun“ aus Kohlenstoff eröffnete neue Forschungsfelder in Quantenphysik und Materialforschung

Eine dünne Schicht ganz gewöhnlichen Kohlenstoffs, nur eine Atomlage dick, hat jetzt den Briten Andre Geim und Konstantin Novoselov den Physik-Nobelpreis des Jahres 2010 eingebracht. Die beiden Forscher entdeckten und erforschten als erste die außergewöhnlichen Eigenschaften des Graphens, einem heute als Material der Zukunft und wichtiges Forschungsobjekt der Quantenphysik unverzichtbaren Materials.

Graphen
Graphen
© Chris Ewels
Graphen ist im Prinzip nichts anderes als Kohlenstoffatome, die jeweils sechseckige Strukturen bilden, die in einer Ebene angeordnet sind wie das Muster eines Maschendrahtzauns. Doch obwohl diese Kohlenstoffform als Graphit in jedem Bleistift steckt, waren seine ungewöhnlichen Eigenschaften bis zum Jahr 2004 vollkommen unbekannt. Das entdeckten erst Andre Geim und Konstantin Novoselov, die ihre Arbeiten gemeinsam in den Niederlanden begannen und dann nach Großbritannien an die Universität von Manchester in England wechselten.

Die Entdeckung: Mit Klebeband und Siliziumplatte
Mit einfachsten Mitteln gelang es ihnen, das Graphen aus dem Graphit zu extrahieren. Mit Hilfe von ganz normalem Klebeband lösten die Forscher nach und nach immer dünnere Schichten des Graphits ab, bis sie schließlich winzige Schüppchen Kohlenstoff von nur noch wenigen bis nur einer Atomlage erhielten. Wie dick die Schüppchen waren, ließ sich indirekt aus dem Farbenspiel schleißen, dass die Teilchen unter dem Mikroskop erzeugten.

Doch wie sollten die Wissenschaftler diese Schüppchen so stabilisieren, dass sie sie genauer untersuchen konnten? Auch hier fanden die beiden eine genial einfache Lösung: Sie banden die Schüppchen auf eine Unterlage aus Siliziumoxid, dem Standardträgermaterial für Halbleiter in der Computerindustrie. Wie sich zeigte, war dieses Präparat die Voraussetzung, um die genaue Struktur des Graphens erstmals unter dem Elektronenmikroskop und später auch noch stärkeren Mikroskopen sichtbar zu machen.

Die Eigenschaften: außergewöhnlich
Die Aufnahmen belegten erstmals, dass ein echt zweidimensionales Material wie das Graphen tatsächlich existieren kann und bei Raumtemperatur nicht nur stabil, sondern auch kristallin ist. Die Arbeiten von Geim und Novoselov eröffneten ein ganz neues Feld der Forschung an solchen zweidimensionalen Materialien und enthüllte, wie außergewöhnlich die Eigenschaften dieser Strukturen sind.

So ist Graphen ein ähnlich guter Leiter wie Kupfer, aber der beste bisher bekannte Wärmeleiter. Fast vollkommen transparent, ist es dennoch so dicht, dass nicht einmal Helium, das Gas mit den kleinsten Atomen, hindurchdringen kann. An Graphen lassen sich heute die mannigfaltigen Phänomene der Quantenphysik genauer studieren.

Die Anwendungen: von transparenten Elektronikteilen…
Auch zahlreiche Anwendungen basieren auf den Eigenschaften dieser Kohlenstoffform. So könnte es zukünftig Verwendung finden als Basis für transparente Touchscreens, Leuchtflächen oder vielleicht sogar Solarzellen. In der Computerindustrie gilt Graphen als vielversprechendes Material für Transistoren und Halbleiter. Ein vor einigen Jahren entwickelter Graphentransistor entpuppte sich als genauso schnell wie sein konventionelles Gegenstück aus Silizium, ist aber um mehrere Größenordnungen kleiner. Noch allerdings sind Graphen-basierte Computer weit entfernt von jeder Realisierung.

...bis zu leichteren und stabileren Baustoffen
Mit Kunststoff gemischt verleiht es diesem Leitfähigkeit und mehr Widerstandfähigkeit gegenüber Hitze und mechanischen Belastungen. Schon die Beimischung von nur einem Bruchteil eines Tausendstel Anteils an Graphen kann beispielsweise die Hitzebeständigkeit von Plastik um 30°C erhöhen. Weltweit wird bereits an Baumaterialien geforscht, die besonders stabil sind, dabei aber dank Graphen besonders leicht und elastisch. In der Zukunft könnte auch Satelliten, Flugzeuge oder Autos aus neuen Verbundmaterialien auf Basis des Graphens gebaut werden.

Für ihre „bahnbrechenden Experimente zum zweidimensionalen Material Graphen“ erhalten Geim und Novoselov nun den Nobelpreis für Physik des Jahres 2010.


Quelle :

http://www.g-o.de/wissen-aktuell-12366-2010-10-05.html

Graphen

Graphen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
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Dieser Artikel behandelt den Werkstoff Graphen. Graphen ist auch der Plural von Graph.

Graphen [gʁa'feːn] (engl. graphene, manchmal auf Deutsch auch Graphén geschrieben, um ihn von den mathematischen Graphen zu unterscheiden) ist die Bezeichnung für eine Modifikation des Kohlenstoffs mit zweidimensionaler Struktur, in der jedes Kohlenstoffatom von drei weiteren umgeben ist, so dass sich ein bienenwabenförmiges Muster ausbildet. Graphen ist strukturell eng mit dem Graphit verwandt, welches sich gedanklich durch Übereinanderschichten mehrerer Graphene erzeugen lässt.

Aufnahme von Graphen im Transmissionselektronenmikroskop.
Modell von Graphen.
Beziehung zwischen Graphen und Graphit

Einlagige Kohlenstoffschichten wurden zum ersten Mal verwendet, um den Aufbau und die elektronischen Eigenschaften komplexer, aus Kohlenstoff bestehender Materialien beschreiben zu können.

Durch Stapeln der Schichten erhält man in der Tat die dreidimensionale Struktur des Graphits,[1] durch Aufrollen die gestreckten Kohlenstoffnanoröhren[2] und durch Einfügen von Fünfecken und anschließendes Zusammenballen die kugelförmigen Fullerene.[3]

Bereits 1859 beschrieb D. C. Brodie die höchst lamellare Struktur von thermisch reduziertem Graphitoxid. Dieses wurde im Jahre 1918 von V. Kohlschütter und P. Haenni intensiv untersucht. Sie berichteten daneben auch über die Herstellung von Graphitoxidpapier.[4] Die ersten Transmissionselektronenmikroskop-Aufnahmen (TEM-Aufnahmen) von Graphen mit geringer Lagenzahl wurden im Jahr 1948 von G. Ruess und F. Vogt veröffentlicht.[5] Zu den Pionieren der Graphenforschung gehört H.-P. Boehm. Er berichtete bereits 1962 über einlagige Kohlenstofffolien.[6] Er prägte zudem den Begriff Graphen.[7][8]

Da strikt zweidimensionale Strukturen thermodynamisch nicht stabil sein sollten[9][10], war es umso erstaunlicher, als Konstantin Novoselov und Andre Geim sowie ihre Mitarbeiter[11] 2004 die Präparation von freistehenden Graphenkristallen bekannt gaben. Diese unerwartete Stabilität könnte durch die Existenz metastabiler Zustände[12] oder durch Faltenbildung des Graphens[13][14] erklärt werden. 2010 wurde Geim und Novoselov für ihre Untersuchungen der Nobelpreis für Physik zuerkannt.

Inhaltsverzeichnis

Struktur

Alle Kohlenstoffatome des Graphens sind sp2-hybridisiert, das heißt: jedes Kohlenstoffatom kann drei gleichwertige σ-Bindungen zu anderen C-Atomen ausbilden. Daraus resultiert eine auch aus den Schichten des Graphit bekannte Waben-Struktur. Die Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungslängen sind alle gleich und betragen 1,42 Å.[15] Die dritten, nicht hybridisierten 2p-Orbitale stehen senkrecht zur Graphenebene und bilden ein delokalisiertes π-Bindungssystem aus.[16]

Graphen besteht zudem aus zwei äquivalenten Untergittern A und B, denen die Kohlenstoffatome zugeordnet sind. Die Untergitter sind um die Bindungslänge ab gegeneinander verschoben. Die zweiatomige Einheitszelle wird durch zwei Gittervektoren \vec a_1 und \vec a_2 aufgespannt. Die Gittervektoren zeigen dabei auf die jeweils übernächsten Nachbarn. Die Länge der Vektoren und damit die Gitterkonstante a lässt sich berechnen zu

 a = |\vec a_1| = |\vec a_2|= \sqrt{3}\cdot a_b \approx 2,46 \mathrm{\AA}.

Herstellung von Graphen

Mechanisch

Die ersten Graphenflakes wurden von Novoselov[11] durch Abblätterung (Exfoliation) von HOPG (engl. Highly Oriented Pyrolytic Graphite) erhalten. Das eingesetzte Verfahren ähnelt dem so genannten Klebebandtest, dabei wird ein Klebeband auf das HOPG gedrückt und anschließend schnell abgezogen, sodass Graphit im Klebstoff zurückbleibt. Dieses Klebeband wird dann auf einen mit Fotolack beschichteten Silicium-Wafer gedrückt und nochmals abgezogen. Nach dem Entfernen des Klebebands bleiben dünne Graphitpartikel auf der Oberfläche der Fotolackschicht zurück. Anschließend wird die Fotolackschicht mit Aceton aufgelöst und dann der Wafer mit Wasser und 2-Propanol gespült. Bei Auflösen der Fotolackschicht haften einige Graphitpartikel an der Waferoberfläche, die zusätzlich mit einer dünnen Siliciumdioxidschicht beschichtet sein kann. Auf diese Weise lassen sich lokal dünne Graphitfilme herstellen. Die für Graphenuntersuchungen interessanten Schichten, welche dünner als 50 nm sind, sind optisch fast transparent. Die zusätzliche Schicht verändert die Reflexionseigenschaften des Substrates, so dass sich die durch Interferenzeffekte bedingte violette Farbe der Siliciumdioxidschicht nach blau verändert. An den Rändern dieser 50-nm-Schichten kann man dann mit dem Rastertunnel- oder Rasterkraftmikroskop nach dünnerem Graphen suchen.

Bei einer weiteren Exfoliationsmethode werden vor dem Exfoliationsprozess mit einem Sauerstoffplasma Vertiefungen in das HOPG geätzt, die isolierte Plateaus (Mesas) stehen lassen. Danach wird ein mit Klebstoff benetzter Glasträger mit auf die Oberfläche gedrückt und abgezogen. Die im Kleber haftenden Mesas werden nun ebenfalls solange mit Klebestreifen abgezogen, bis nur noch ein Rest übrig bleibt. Danach wird der Kleber in Aceton aufgelöst und die im Aceton gelösten Graphenflakes mit einem Siliciumwafer herausgefischt und wiederum mit optischem Mikroskop und Rastertunnel- oder Rasterkraftmikroskop abgesucht.

Bei diesen beiden Methoden handelt es sich um sehr zeitaufwändige Verfahren, bei denen man zwar hochwertige, aber nur sehr wenige Proben erhält.

Chemisch

Das meistversprechende Verfahren ist immer noch die Darstellung von Graphen durch Reduktion von Graphenoxid. So berichtete beispielsweise das California Nanosystems Institute (CNSI) im Jahre 2008 über ein „Massenproduktionsverfahren“, das auf der Reduktion von Graphitoxid in flüssigem Hydrazin basiert. Auf diese Weise konnten Graphen-Monolagen der Größe 20 µm × 40 µm erzeugt werden. Daneben wurde auch über den schrittweisen Aufbau aus polyzyklischen Aromaten[17][18] sowie eine chemische Abblätterung[19] aus Graphit durch organische Lösungsmittel berichtet.

Epitaktisches Wachstum

Graphen kann epitaktisch auf metallischen Substraten wachsen. Eine in der Literatur vorgestellte Methode ist die Zersetzung von Ethen auf Iridium.[20] In einem weiteren Verfahren wird die Löslichkeit von Kohlenstoff in Übergangsmetallen verwendet.[21] Beim Erhitzen löst sich der Kohlenstoff im Metall, tritt beim Abkühlen wieder heraus und ordnet sich als Graphen auf der Oberfläche an.

Eine weitere Möglichkeit der Darstellung einzelner Graphenlagen ist die thermische Zersetzung hexagonaler Siliciumcarbid-Oberflächen. Bei Temperaturen oberhalb des Schmelzpunktes von Silicium verdampft Silicium aufgrund des höheren Dampfdruckes Kohlenstoff. Auf der Oberfläche bilden sich dann dünne Schichten einkristallinen Graphits, die aus wenigen Graphenmonolagen bestehen. Dieses Verfahren ist geeignet für Anlassprozesse in Vakuum[22][23] und in einer Inertgasatmosphäre aus Argon.[24] Die Dicke und Struktur des epitaktisch gewachsenen Graphens hängt dabei empfindlich von den eingestellten Prozessparametern ab, insbesondere von der Wahl der Atmosphäre und der Struktur der Substratoberfläche sowie der Polarisation der Siliciumcarbid-Oberfläche.

Große Flächen aus Graphen stellt man dadurch her, dass man eine monoatomare Schicht aus Kohlenstoff auf eine Folie aus inertem Trägermaterial, wie zum Beispiel Kupfer, durch chemische Gasphasenabscheidung (CVD) aufbringt, und dann das Trägermaterial auflöst.[25]

Eigenschaften

Graphen hat ungewöhnliche Eigenschaften, die es sowohl für die Grundlagenforschung als auch für Anwendungen interessant machen: Beispielsweise sind Graphen-Flächeneinkristalle innerhalb der Flächen außerordentlich steif und fest. Der Elastizitätsmodul entspricht mit ca. 1020 GPa dem von normalem Graphit entlang der Basalebenen und ist fast so groß wie der des Diamants. Seine Zugfestigkeit ist die höchste, die je ermittelt wurde.[26]

In der Grundlagenforschung dient Graphen als Modellsubstanz für zweidimensionale Kristalle: Es ist schwierig, das System in Form von Einzelschichten zu erhalten, erst im Jahre 2004 konnten die ersten kontaktierbaren „Graphen-Flocken“ erhalten werden.

Graphen könnte Silicium als Transistormaterial ablösen, erste Erfolge wie die Darstellung eines Graphit-Microchips konnten bereits verbucht werden. Mit graphenbasierten Transistoren sollten Taktraten im Bereich von 500 bis 1000 GHz möglich sein, während mit siliciumbasierten Taktraten von 5 GHz kaum zu überschreiten sind.[27] IBM gelang es Anfang 2010 erstmals einen 100 GHz-Transistor auf Graphenbasis herzustellen.[28]

Graphen besitzt keine natürliche Bandlücke wie bei Halbleitern üblich. Eine künstliche Bandlücke im Graphen kann jedoch erzeugt werden, indem man Graphen in ein maximal 10 nm breites Gate „schneidet“.[29][30][31][32]

Mit Hilfe von atomarem Wasserstoff, der durch eine elektrische Entladung in einem Wasserstoff-Argon-Gemisch erzeugt wird, lässt sich Graphen in Graphan umwandeln. In Graphan ist jedem Kohlenstoffatom ein Wasserstoffatom zugeordnet, und die Bindungsstruktur ähnelt dem sesselförmigen Cyclohexan. Graphan zerfällt oberhalb von 450 Grad Celsius in Graphen und Wasserstoff. Graphan ist im Gegensatz zum Graphen ein elektrischer Isolator.[33]

Pseudo-Relativistisches Verhalten

Energie der Elektronen in Graphen entsprechend ihrer Wellenzahl \mathbf{k}\,=(k_x,k_y)\,, in Tight-Binding-Näherung. Die „besetzten“ bzw. „unbesetzten“ Zustände („gelb-grün“ bzw. „blau-rot“) berühren sich ohne Lücke genau an den im Text erwähnten sechs k-Werten.

Die elektrischen Eigenschaften von Graphen lassen sich gut durch ein Tight-Binding-Modell beschreiben. Im Rahmen dieses Modells ergibt sich die Energie der Elektronen mit Wellenzahl \mathbf{k} (siehe Wellenvektor) zu

E=\pm\sqrt{\gamma_0^2\left(1+4\cos^2{\pi k_ya}+4\cos{\pi k_ya} \cdot \cos{\pi k_x\sqrt{3}a}\right)}[1],

mit der Nächsten-Nachbar-Hopping-Energie \gamma_0\approx 2{,}8\ \mathrm{eV} und der Gitterkonstante a\approx 1{,}42\ \mathrm{\AA}. Leitungs- und Valenzband entsprechen Plus- bzw. Minus-Vorzeichen in der obigen Dispersionsrelation. Sie berühren sich in Graphen genau in sechs ausgezeichneten Punkten, den sogenannten K-Punkten, von denen jedoch nur zwei voneinander unabhängig sind (die übrigen sind durch die Gittersymmetrie zu diesen beiden äquivalent). In ihrer Umgebung hängt die Energie wie bei einem relativistischen Teilchen linear von \mathbf k ab. Da die Basis zweiatomig ist, hat die Wellenfunktion sogar eine formale Spinorstruktur. Dies führt dazu, dass die Elektronen bei niedrigen Energien durch eine Relation beschrieben werden können, die äquivalent zur Dirac-Gleichung ist, und das zusätzlich im sogenannten chiralen Limes, d. h. für verschwindende Ruhemasse M0, was einige Besonderheiten ergibt:

v_F\,\vec\sigma\cdot\vec\nabla \psi(\mathbf{r})=E\psi(\mathbf{r})

Hier bezeichnet v_F\approx 10^6\ \mathrm{m/s} die Fermi-Geschwindigkeit in Graphen, die an die Stelle der Lichtgeschwindigkeit tritt; \vec{\sigma} bezeichnet die Pauli-Matrizen, \psi(\mathbf{r}) die zweikomponentige Wellenfunktion der Elektronen und E ihre Energie.[34]

Ungewöhnlicher Quanten-Hall-Effekt

Wegen der Besonderheiten in der Dispersion ist in diesem Material die Treppenstruktur der ganzzahligen Quanten-Hall-Plateaus, \sigma_{xy}\propto n, für alle Stufen genau „um 1/2 verschoben“, n\to n+\frac{1}{2}\,,\,n\in \mathbb{N}.[35] Die Zwei-Valley-Struktur (formaler "Pseudospin") und die „echte“ Spin-Entartung ergeben zusammen einen zusätzlichen Faktor 4. Bemerkenswerterweise kann man dies – im Gegensatz zum konventionellen Quanten-Hall-Effekt – auch bei Zimmertemperatur beobachten.[36]

Härte und Temperaturabhängigkeit

Graphit ist senkrecht zu den Schichten sehr weich, was man im täglichen Leben ausnutzt. Beispielsweise bestehen Bleistiftminen oder auch viele Schmiermittel im Wesentlichen aus Graphit. Graphen ist, im Gegensatz dazu, extrem hart[26], weil die sp2-Bindung zwischen benachbarten Atomen einer Graphenschicht von der Stärke her mit der sp3-Bindung von Diamant vergleichbar ist. Dementsprechend erwartet man generell – und dies entspricht dem Experiment[34][35] – dass die für die Anwendung interessanten Eigenschaften von Graphen nicht nur am absoluten Temperaturnullpunkt gelten, d. h. bei −273 °C, sondern bei Zimmertemperatur gültig bleiben.

Elastisches Verhalten und Pseudo-Magnetfeld

Im Juli 2010 wurde in einer Veröffentlichung in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Science von extrem starken Pseudo-Magnetfeldern berichtet [37]. Durch elastische Verformung wurden in Graphen winzige dreieckige Bläschen von vier bis 10 Nanometer Größe erzeugt, in denen sich die Elektronen so bewegten, als würde ein etwa 300 Tesla starkes Magnetfeld auf sie einwirken. Es zeigte sich, dass der beobachtete Effekt, im Gegensatz zur Auswirkung eines echten Magnetfeldes, andere Elektroneneigenschaften, wie etwa den Spin, nicht beeinflusst. Dagegen scheint ein Pseudo-Spin aufzutreten, der mit dem Pseudo-Magnetfeld ähnlich wechselwirkt wie echter Spin mit echtem Magnetfeld. Die Experimente um diesen „Pseudo-Quanten-Hall-Effekt“ basierten auf theoretischen Vorhersagen, die so bestätigt wurden.

Lichtdurchlässigkeit

Messungen haben ergeben, dass eine einzelne Graphenschicht das Licht um 2,3 % abschwächt, und zwar über das gesamte sichtbare Spektrum.[38]

Verallgemeinerungen

Verallgemeinerungen sind naheliegend. Einige durch Faltung oder Rollprozesse entstehende Strukturen, wie z. B. die sog. Carbon-Nanotubes (Nanoröhrchen aus Kohlenstoff) und die Fullerene, wurden bereits erwähnt. Aber näherliegend ist es, zunächst Zweilagensysteme aus Graphen zu untersuchen. Diese haben interessante zusätzliche Eigenschaften: Sie zeigen halbleitendes Verhalten analog zu Silicium, aber mit einer Bandlücke, die durch elektrische Felder systematisch verändert werden kann.[39]

Nobelpreis 2010

Am 5. Oktober 2010 gab das Nobelkomitee für Physik seine Entscheidung bekannt, dass der Nobelpreis für Physik 2010 an Andre K. Geim und Kostya Novoselov für deren Arbeiten zu Graphen vergeben werden soll.

Graphen: Stärkstes Pseudo-Magnetfeld erzeugt Elektronenverhalten wie in einem Magnetfeld von 300 Tesla

Graphen: Stärkstes Pseudo-Magnetfeld erzeugt
Elektronenverhalten wie in einem Magnetfeld von 300 Tesla

Graphen hat erneut für Überraschungen gesorgt: Durch bloßes Dehnen und Komprimieren von Nanoblasen dieser Kohlenstoffform haben Forscher extrem starke pseudo-magnetische Felder erzeugt. In diesen verhielten sich Elektronen wie unter dem Einfluss von 300 Tesla – mehr als den stärksten jemals im Labor erzeugten Magnetfeldern. Diese jetzt in „Science“ veröffentlichte Methode eröffnet ganz neue Möglichkeiten der gezielten Verhaltensbeeinflussung von Elektronen.

Bild einer Graphen-Nanoblase im Rastertunnelmikroskop
Bild einer Graphen-Nanoblase im Rastertunnelmikroskop
© LBNL Bild einer Graphen-Nanoblase im Rastertunnelmikroskop
Magnetfelder beeinflussen nicht nur Metalle, sie verändern auch das Verhalten von Elektronen. Bisher allerdings war es nicht möglich, im Labor stärkere Magnetfelder als rund 85 Tesla zu erzeugen – und auch dies nur für Sekundenbruchteile. Zum Vergleich: Magnetresonanztomografen nutzen ein Magnetfeld von rund zehn Tesla, das Magnetfeld der Erde misst auf Höhe der Erdoberfläche gerade einmal 31 Mikrotesla. Doch jetzt ist es Physikern der Universität von Kalifornien in Berkeley und des Lawrence Berkeley National Laboratory (LBNL) gelungen, im Labor Elektronen zu einem Verhalten zu bringe, dass normalerweise nur in extrem starken Magnetfeldern auftritt.

Dehnung erzeugt Nanobläschen
Entdeckt wurde dieser Effekt durch Zufall während eines Experiments, bei dem ein Doktorand Graphen auf der Oberfläche eines Platinkristalls „wachsen“ ließ. Graphen ist eine Kohlenstoffform, bei der die Atome ähnlich einem Maschendrahtzaun in einer einatomigen Schicht in sechseckiger Formation angeordnet sind. Wenn sie auf Platin gezüchtet werden, liegen die Atome des Graphens nicht an allen Stellen eben auf der Kristallstruktur des Metalls auf, dadurch entstehen Spannungen – ähnlich wie in einer Gummihaut, die straff über einen unebenen Gegenstand gespannt wird.

Kreisende Elektronen mit gequantelten Energien
Diese Zugspannungen erzeugen winzige, dreieckige Graphenbläschen von vier bis zehn Nanometern Größe, in denen sich, wie sich herausstellte, die Elektronen auf äußerst ungewöhnliche Weise verhalten. Ihre Energien nehmen keine breiten Bereiche ein, wie normalerweise bei Graphen üblich, sondern sind in getrennte, gequantelte Energieblöcke aufgeteilt ein Verhalten, wie es sonst nur in extrem starken Magnetfeldern üblich ist.


Graphenblasen auf Platinsubstrat. Ausschnitt: Elektronendichtepeaks bei diskreten Energieniveaus
Graphenblasen auf Platinsubstrat. Ausschnitt: Elektronendichtepeaks bei diskreten Energieniveaus
© LBNL Graphenblasen auf Platinsubstrat. Ausschnitt: Elektronendichtepeaks bei diskreten Energieniveaus
In Magnetfeldern bewegen sich die Elektronen normalerweise spiralförmig um die Magnetfeldlinien. In den gedehnten Nanobläschen des Graphens zeigten sie ebenfalls charakteristische Kreisbewegungen, als wenn ein Magnetfeld von rund 300 Tesla senkrecht zur Atomschicht des Graphens einwirken würde. Doch es gab kein Magnetfeld – offenbar handelt es sich um ein Pseudomagnetfeld, einen Effekt, der im Unterschied zu echten Magnetfeldern nur die Bewegung der Elektronen beeinflusst, nicht aber andere Eigenschaften der Teilchen, wie den Spin.

Neue Möglichkeiten der Elektronenkontrolle
„Dies gibt uns neue Möglichkeiten, die Bewegung von Elektronen in Graphen durch Dehnung zu kontrollieren und damit auch die elektronischen Eigenschaften des Graphens”, erklärt Michael Crommie, Professor für Physik an der Universität von Kalifornien in Berkeley und Forscher am LBNL. „Indem wir beeinflussen, wo sich die Elektronen sammeln und bei welcher Energie, können wir sie dazu bringen, sich leichter oder weniger leicht durch das Graphen zu bewegen und damit im Prinzip dessen Leitfähigkeit, optischen und Mikrowelleneigenschaften kontrollieren. Die Kontrolle der Elektronenbewegung ist ein essenzieller Teil jedes elektronischen Geräts.“

„Die Beobachtung dieser gewaltigen Pseudo-Magnetfelder öffnet eine Tür zu Raumtemperatur ‚Spraintronics‘ – der Idee, mechanische Deformationen in Graphen zu nutzen, um sein Verhalten für verschiedenen elektronische Anwendungen maßzuschneidern“, so Crommie weiter. Neben den praktischen Anwendungen dieser Entdeckung wollen die Forscher nun vor allem ausprobieren, wie sich diese ungewöhnliche Eigenschaft des Graphens nutzen lässt, um das Verhalten von Elektronen unter Feldstärken zu beobachten, die bisher nie unter Laborbedingungen erzeugt werden konnten. „Wenn man ein magnetisches Feld verstärkt, beginnt man sehr interessantes Verhalten zu sehen, weil die Elektronen sich dann in winzigen Kreisen drehen“, erklärt Crommie. „Dieser Effekt gibt uns eine ganz neue Möglichkeit, dieses Verhalten auszulösen, selbst in Abwesenheit eines echten Magnetfelds.“

Effekt bereits theoretisch vorhergesagt
Interessanterweise hatten Forscher aus Spanien, den Niederlanden und Großbritannien genau diesen Effekt – von ihnen „Pseudo-Quanten-Hall-Effekt“ getauft - bereits theoretisch vorhergesagt. „Theoretiker kommen häufig auf Ideen und erkunden sie theoretisch, bevor Experiment durchgeführt werden und manchmal kommen sie dabei auf Vorhersagen, die zunächst etwas verrückt erscheinen“, so Crommie. „Das Aufregende ist, dass wir nun Daten haben, die zeigen, dass diese Ideen gar nicht so verrückt sind.“


Quelle :

http://www.g-o.de/wissen-aktuell-12039-2010-08-02.html

Nichts wird zur Wahrheit, nur weil man es oft genug wiederholt

Es gibt sehr viele Dinge auf der Erde, die nicht sehr einfach zuerklären sind und manches Mal nur durch ein Dogma der Wissenschaft am Leben erhalten werden. Es kann nicht sein, was nicht sein darf - so die Devise vieler Wissenschaftler und selbst ernannten Experten. Das müssen wir ändern, indem wir kritische Fragen stellen und nicht alles als gegeben hinnehmen.

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