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9. Mai 2010

BEWUSSTSEIN UND REALITÄT Die Alltagswelt ist ein Windows-Desktop

Die Sonne, der Mond, ein Tisch, ein Stuhl - sind Objekte nur Piktogramme auf einem gigantischen Windows-Desktop unseres Bewusstseins? Der Kognitionsforscher Donald Hoffman meint ja. Er glaubt, diese Benutzeroberfläche ist nötig, weil die wahre Welt dahinter viel zu komplex für uns ist.


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Ich glaube, dass es nichts gibt außer dem Bewusstsein und seinen Inhalten. Raumzeit, Materie und Felder waren nie die Hauptbewohner des Universums, sondern gehörten immer schon zu den untergeordneten Bewusstseinsinhalten und hätten ohne es nicht existiert.

Stuhl: Piktogramm auf einer Benutzeroberfläche unseres Gehirns?
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Tom Wates

Stuhl: Piktogramm auf einer Benutzeroberfläche unseres Gehirns?

Die Welt unserer Alltagserfahrung – die Welt der Tische, Stühle und Personen mit allem, was sie an Formen, Gerüchen, Empfindungen und Klängen begleitet – ist eine gattungsspezifische Benutzeroberfläche zwischen uns und einer sehr viel komplexeren Sphäre, deren wesentliche Eigenschaft bewusst ist.

Dabei ist es unwahrscheinlich, dass die Inhalte unserer Oberfläche jener Sphäre in irgendeiner Weise gleichen; im Prinzip würde das sogar ihren Nutzen beeinträchtigen, der ja (wie im Fall etwa der Computeroberfläche Windows) gerade darin liegt, die Handhabung zu vereinfachen und zu erleichtern. Wir klicken Piktogramme an, weil es schneller geht und nicht so mühsam ist, wie selbst umfangreiche Programme zu schreiben oder Ströme gezielt durch Regelkreise zu schicken. Der evolutionäre Druck erzwingt, dass die für unsere Spezies spezifische Oberfläche – diese Welt der Alltagserfahrung – eine radikale Vereinfachung bedeutet, die keiner genauen Darstellung der Wahrheit, sondern der variablen Pragmatik des Überlebens dient.

DIE EDGE-FRAGE

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Wenn das zutrifft – wenn das Bewusstsein grundlegend ist –, sollte es uns nicht überraschen, dass es trotz Jahrhunderte langer Bemühungen der klügsten Köpfe noch keine physikalische Theorie des Bewusstseins gibt – das heißt keine Erklärung dafür, wie das Geistlose oder Materie, Energie oder Felder bewusste Erfahrung sein oder verursachen kann. Trotz vieler Anwärter (Informatik, Komplexitätstheorie, Neurobiologie und Neuro-Darwinismus, Erforschung von Unterscheidungsmechanismen, Quanteneffekten oder der funktionalen Organisation) wurden bisher die Mindestkriterien der Wissenschaftlichkeit, quantitative Genauigkeit und neuartige Prognosen, nicht erfüllt. Wenn Materie eines der untergeordneten Produkte des Bewusstseins wäre, so sollten wir jedenfalls nicht erwarten, dass sich dieses theoretisch von ihr ableiten ließe.

DER AUTOR

Donald D. Hoffman lehrt als Professor für Kognitionsforschung, Philosophie, Informatik und Computerwesen an der University of California in Irvine. Von ihm stammt das Buch "Visuelle Intelligenz. Wie die Welt im Kopf entsteht".
Das Geist-Körper-Problem dürfte sich für die physikalische Ontologie als das erweisen, was einst die Schwarzkörperstrahlung für die klassische Mechanik war: zunächst ein Ansporn, sie heldenhaft zu verteidigen, und dann der Auslöser ihrer endgültigen Überwindung. Allerdings vermute ich, dass die physikalische Ontologie noch länger heldenhaft verteidigt wird, zumal ihre Verfechter bezweifeln, dass ihre bewusstseinsgestützte Ablösung die gleiche mathematische Präzision oder eindrucksvolle Bandbreite erreichen würde wie die Physik. Bleibt abzuwarten, in welchem Maße und wie erfolgreich die Mathematik das Bewusstsein abbilden kann. Schon heute gibt es jedoch faszinierende Hinweise: Einigen Deutungen zufolge hat die Mathematik der Quantentheorie dabei bereits große Fortschritte erzielt, und vielleicht lassen sich auch die mathematischen Neuerungen der Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung in diesem Sinne auffassen. Wir werden sehen.

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Doch vielleicht fällt das Geist-Körper-Problem gar nicht in die Domäne der Physik, da es dort an einer angemessenen Theorie dafür fehlt. Zwar könnten deren Vertreter argumentieren, dass wir dem intellektuell einfach noch nicht gewachsen sind – vielleicht auf die richtige Mutation warten müssen – und damit recht haben. Wenn wir aber das Bewusstsein für grundlegend halten, so geht es nicht mehr darum, den Geist aus der Materie, sondern diese aus dem Geist abzuleiten. Dies wäre im Prinzip der elementare Vorgang, da Materie, Felder und die Raumzeit allesamt zu den Bewusstseinsinhalten gehören.

Ohne bewussten Geist keine Sonne und kein Mond

Zum Beispiel können die Regeln, nach denen das menschliche Sehen Farben, Formen, Tiefen, Bewegungen, Texturen und Objekte konstruiert – jüngst dokumentiert durch psychophysische Untersuchungen und Computerstudien der Kognitionsforschung –, als eine zwar partielle, aber mathematisch genaue Beschreibung dieser Ableitung lesen. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die unabhängig vom Beobachter existierenden physikalischen Objekte. Ohne bewussten Geist, der sie wahrnimmt, gibt es weder Sonne noch Mond: Beide sind Konstrukte des Bewusstseins, Piktogramme auf einer gattungsspezifischen Benutzeroberfläche. Manch einem wird das als eine reductio ad absurdum erscheinen, der sowohl die Erfahrung als auch unsere beste Wissenschaft widerspricht. Doch unsere beste Wissenschaft, das ist die Quantentheorie, und die gibt keine solche Zusicherung – während die Erfahrung uns einst glauben machte, dass die Erde eine Scheibe und die Sterne nahe seien. Vielleicht werden die vom Geist unabhängigen Objekte einmal das gleiche Schicksal erleiden wie der Erdfladen.

Diese Auffassung umgeht keine wissenschaftlichen Methoden oder Ergebnisse, sondern baut sie in neuer Interpretation in ihren Rahmen ein. Man denke beispielsweise an die Suche nach den neuralen Korrelaten des Bewusstseins. Dieser heilige Gral der Physik sollte fortbestehen, auch wenn sich das Bewusstsein als grundlegend erweist, denn darin geht es ja um hilfreiche Untersuchungen unserer Benutzeroberfläche. Der Physiker stuft solche neuralen Korrelate als potentielle Ursachen des Bewusstseins ein. Wenn dieses jedoch als fundamental zu gelten hat, so bilden seine neuralen Korrelate ein Merkmal unserer Benutzeroberfläche, die zwar Bewusstseinsveränderungen entsprechen mögen, solche jedoch nicht hervorrufen können.

Hirnschäden zerstören die neuralen Korrelate und beeinträchtigen zweifellos das Bewusstsein. Doch können weder das Gehirn noch die neuralen Korrelate Bewusstsein erzeugen: Vielmehr ist das Gehirn eine Konstruktion des Bewusstseins. Das ist nichts Geheimnisvolles. Wenn man das Piktogramm einer Datei in den Papierkorb verschiebt, ist die Datei zweifellos gelöscht. Doch verursacht weder das Piktogramm noch der Papierkorb die Löschung, da beide nur Muster von Pixeln auf einem Bildschirm sind. Das Piktogramm ist eine Vereinfachung, ein grafisches Korrelat zum Inhalt der Datei mit dem Zweck, das komplexe Gewebe der kausalen Relationen nicht hervorzuholen, sondern zu verbergen.

Quelle: www.spiegel.de

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