Kaum Luft zum Atmen
Gegen 17.30 Uhr hatte Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller noch stolz die große Besucherzahl verkündet. Doch schon um 17.34 Uhr berichtet die Polizei von der Schließung des Veranstaltungsgeländes wegen Überfüllung.
Die gesamte Duisburger Innenstadt ist von jungen Musikfans belagert, Tausende wollen noch zur Abschlusskundgebung der Loveparade, drängen von hinten in den rund 100 Meter langen und 16 Meter breiten Tunnel, obwohl vorne schon niemand mehr wegkommt. Es ist heiß, stickig, kaum Luft zum Atmen. Die ersten Menschen kippen um, geraten unter die Füße der Masse. Nach Angaben von Stadtverwaltung und Polizei waren eine ganze Reihe von Fans auf die schmale Treppe geklettert, die aus dem Tunnel herausführte, und abgestürzt - andere hätten vergeblich versucht, die Sicherheitszäune um das abgeriegelte Gelände zu erklimmen.
Am Boden klebt Blut
Das Dröhnen der Beats von der nur wenige hundert Meter entfernten Hauptbühne dringt noch an die Ohren der Verzweifelten im Tunnel, während sie bereits um ihr Leben kämpfen. Es dauert, bis Polizei und Rettungskräfte die Lage in den Griff bekommen. Doch schließlich gibt es eine Rettungsgasse, und ein Rettungswagen nach dem anderen jagt mit Blaulicht und Martinshorn über die Karl-Lehr-Straße in Richtung Tunnel. Doch für viele kommt jede Hilfe zu spät.
Gegen 19.30 Uhr ist der Tunnel bis auf wenige Rettungswagen, einen Bus, Helfer und Verletzte beinahe leer. Überall liegen gebrauchte Sanitäterhandschuhe zwischen den zerbrochenen Plastikbechern. Am Boden klebt Blut. Einige Menschen sitzen am Tunnelende in gold-silberne Wärmefolien gewickelt auf dem Fußboden und werden von den Sanitätern versorgt. Der Schock steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Kleidung ist vom Straßenstaub schmutzig, die Gesichter sind dreck- und tränenverschmiert.
Mädchen blau angelaufen
Wer ärztlich versorgt wurde, wartet im Bus darauf, von hier weggebracht zu werden. Am Bus warten auch zwei 17-Jährige, Dustin aus Erkrath und Thomas aus Köln, auf die Abfahrt. Sie kamen getrennt zur Loveparade nach Duisburg. "Wir kennen uns nur, weil wir übereinanderlagen", sagt Thomas, dessen Jeanshose am rechten Bein komplett zerrissen ist. Um sein Knie trägt er einen Verband.
Beide sind staubbedeckt, und ihnen stehen die Tränen noch in den Augen. "Neben mir ist ein Mädchen gestorben", sagt Dustin. Es sei einfach erdrückt worden. Ein weiteres Mädchen habe neben ihm gelegen. Es sei schon blau angelaufen gewesen. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung habe er sie wiederbeleben können.
"Auf mir lagen zwei Menschen"
Dabei konnte sich Dustin lange selbst so gut wie nicht bewegen: "Auf mir lagen noch zwei Menschen." Teilweise hätten fünf bis sechs Personen übereinandergelegen. Als ihn schließlich Rettungssanitäter herauszogen, verlor er seine Schuhe. "Es war so eng, die sind steckengeblieben", sagt Dustin. "Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen", berichtet der 17-Jährige. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch Luft bekomme."
Thomas meint, Security und Polizei seien mit der Situation überfordert gewesen. "Es ist nicht das richtige Gelände, es ist einfach zu eng." Ob er noch einmal zur Loveparade gehen möchte, wisse er noch nicht. Für Dustin jedenfalls sei es die erste und letzte Loveparade gewesen: "Meiner Freundin werde ich das niemals erlauben und meinen Kindern später auch nicht."
Run auf Hauptbahnhof
Dabei hatte alles so friedlich angefangen. Zum insgesamt 19. Tanzgroßereignis der Superlative kamen Hunderttausende von Technojüngern nach Duisburg. Schon zwei Stunden vor dem Startschuss zur dritten Loveparade im Ruhrgebiet nach den vielen in Berlin herrscht in der Duisburger Innenstadt der Ausnahmezustand. In breiten Strömen bahnen sich die Menschmassen auf den von Straßensperren vorgezeichneten Wegen ihren Weg zum Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Dort warteten die mit Musikboxen und Tänzern beladenen Großlastwagen, sogenannte Floats. Doch die Parade sollte nicht wie in den Vorjahren andernorts durch die Innenstadt gehen. In Duisburg wurde auf dem abgesperrten Schotterplatz im Kreis gefahren.
Auf dem Platz bekommen die meisten Besucher lange überhaupt nicht mit, was sich am Unterführungstunnel ereignet hat. Als sich später das Unglück herumspricht, setzt kurzfristig ein Run auf den Hauptbahnhof ein. Doch versucht die Bundespolizei, den Ansturm in den Griff zu bekommen. Dann aber muss auch der Hauptbahnhof wegen Überfüllung gesperrt werden. Auch die Straßen rund um die Station waren überfüllt. Erst nach Anbruch der Dunkelheit entspannt sich die Lage allmählich. Doch die Zahl der Toten steigt weiter...
Dass der jetzige Organisator, Rainer Schaller, das Ende der Technoparade verkündet hat, begrüßte er. "Es ist vielleicht besser so." Er könne verstehen, wenn nach der verheerenden Massenpanik vielen die Lust auf Festivals vergangen sei.
Dr. Motte warf den Veranstaltern "totale Selbstüberschätzung" vor. Er habe sich die Bilder vom Tunnel angeschaut - "eine Katastrophe". Aus seiner Sicht hätte man vorher wissen können, welche Gefahr drohte.
"Sicherheit auf Platz 1"
Der 50 Jahre alte DJ (eigentlich Matthias Roeingh) hatte die Liebesparade 1989 gegründet. In Berlin verlief sie fast immer friedlich. Es gab keine mit Duisburg vergleichbaren Unglücke. Die Feiernden hatten im Tiergarten genug Platz. "Auf Platz 1 stand die Sicherheit der Teilnehmer", so Dr. Motte.
Weil die Party seiner Ansicht nach zur "Dauerwerbesendung" verkam, zog sich Dr. Motte 2006 aus dem Organisationsteam zurück. Heute engagiert er sich für den Protest gegen Mediaspree, einen Investorenplan, der vorsieht, das Ufer der Spree zu bebauen. Seinen Ansichten von früher bleibt er treu. "Ich bin für eine friedliche Welt", sagt Dr. Motte. "Für mich ist Musik das beste Mittel zur Verständigung."
Loveparade 2010 – Grob fahrlässig?
Ich hatte mehrere solcher Erlebnisse auf Rock am Ring, als es früher die Wellenbrecher noch nicht so wirklich gab und sich die Menge bei den Konzerten extrem zusammendrückte und vor und zurück bewegte. Man hat dabei schlicht weg keine Chance irgend etwas zu machen.
Auf meinem ersten Southside Festival, damals noch in München, kam es bei der Band Bush zu einer Situation die ich nie vergessen werde. Die Massen bewegten sich vor und zurück, wir waren mittendrin. Man wird mitbewegt, man hat keine Chance dagegen anzukommen oder stehen zu bleiben. Plötzlich fielen die ersten Reihen nach hinten und wie ein Kartenhaus folgten die nachfolgenden Publikumsreihen, auf einmal lagen Menschen übereinander, man konnte nichts machen, man wurde einfach mitgerissen. Es ging zwar alles glimpflich aus, aber seit diesem Tag weiß ich welche Kraft eine Menschenmasse haben kann und man schlicht nur noch Spielball einer wabbernden Menge ist.
Nun kam es gestern bei der Loveparade 2010 auf dem Gelände am alten Güterbahnhof in Duisburg zu 19 Toten und zig Schwerverletzen bei einer Massenpanik. Die Loveparade wird jährlich von mehr als einer Million Menschen besucht. Der Veranstalter, die Stadt, die Behörden kannten die Dimensionen und mussten sich im Klaren sein, was da auf sie zukommt.
Dennoch wurde offenbar ein Zugang zum Loveparade Gelände gewählt, der eigentlich jedem, mit normalen Menschenverstand und etwas Festivalerfahrung, als ungeeignet vorkommen muss. Der Zugang war eine Tunnelstrasse mit zwei Eingängen und in der Mitte des Tunnels einem Ausgang zum Festivalgelände. Das heißt, von zwei Seiten strömen ständig hunderttausende Besucher in den Tunnel. In der Mitte treffen sie aufeinander um dann seitlich auf die Zugangsrampe zum Gelände zu gelangen. Eine Mausefalle.
Links, rechts, oben, nur Beton, keine Fluchtwege, vermutlich dunkel und sehr stickig, bei tausenden Menschen im Tunnel. Dazu Hitze und Wassermangel. Möchte man da eine Million Besucher durchschicken? Die evtl. schon etwas angeschlagen von der Anreise sind, die vermutlich schon gut alkoholisiert sind und andere Substanzen zu sich genommen haben? Möglicherweise ungeduldig aufs Gelände wollen und warten müssen? Ich würde man mit klarem Menschenverstand sagen: Nein!
Auf der folgenden Karte seht ihr das Gelände. Die L237 geht durch den Tunnel durch den die Besucher geschickt wurden. Ungefähr in der Mitte der Karte und der L237 seht ihr wo der Zugang zum Gelände bzw der Ausgang des Tunnels in der Mitte ist.
Größere Kartenansicht
Angeblich wurde das Gelände dann zeitweise wegen Überfüllung gesperrt. Die Besucher strömten aber immer noch von beiden Seiten in den Tunnel rein. In der Mitte kamen aber die Menschen nicht mehr weiter aufs Gelände, was vermutlich dazu führte, dass der Druck, der von den Seiten nachschiebenden Besucher, auf die in der Mitte immer größer wurde. Diese hatten keine Ausweichmöglichkeit. Sie versuchten über Lichtmasten, Container und einer baufälligen kleinen Treppen aus dem Kessel raus zu kommen. Was dazu führte, das der Druck auf diese wenigen “Nadelöhre” gewaltig zunehmen musste. Das Ergebnis ist heute zur genüge bekannt.
Schon im Vorfeld gab es erste warnende Stimmen zu den Zugangswegen zum Gelände, von erfahrenen Loveparadebesuchern aus den letzten Jahren. Diese kommentierten schon Wochen vor der Veranstaltung auf Internetseiten:
7. Juni: “klotsche”: “Sehe ich das richtig, dass die versuchen, eine Million Menschen über die einspurige Tunnelstraße Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch zwei kleinen Trampelpfaden hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also, in meinen Augen ist das eine Falle. Das kann doch nie und nimmer gut gehen. Wer in Essen und Dortmund dabei war, weiß, wie groß das Gedränge schon auf recht weitläufigen Zugangswegen war. Das war schon eine Katastrophe und die wollen ernsthaft den Zugang über nen einspurigen Tunnel leiten? Ich fasse es nicht! Ich sehe schon Tote, wenn nach der Abschlusskundgebung alle auf einmal über diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen.”
4.Juni: “Klappschramme”: “Bei einer Panik hat man zu beiden Seiten meterhohe Betonwände – absolut ungeeignet.”Quelle: Spiegel
Solche Kommentare gab es offenbar viele im Vorfeld. Ich kann mir das auch nur schwer vorstellen wie man auf diese Idee gekommen ist. Die einzige Erklärung für mich kann nur sein, dass keiner der leitenden Veranstalter und der leitenden Behörden jemals selbst in einer solchen Menschenmasse angestanden sind und vermutlich schicht nur die Theorie kennen. Sie kennen zwar die Bilder und Aufnahmen ihrer vergangen Veranstaltungen, doch auf Bildern wirkt das meist recht harmlos. Vorher habe ich im Fernsehen auch die Bilder der Katastrophe gesehen und es sieht erstmal alles gar nicht so schlimm aus, wie berichtet wird. Man sieht diese Kraft die da wirkt von Außen nicht.
Man kann das glaube ich nur begreifen, wenn man selbst mal in so einer Masse gestanden hat und ich glaube und bin überzeugt keiner der Veranstalter stand je selbst bei einer seiner Events selbst mal am Einlass an. Die haben das schlicht weg unterschätzt und nicht begriffen!
Grob fahrlässig? Was meint ihr? Wie sind eure Erfahrungen?
Videos, Berichte usw. findet ihr noch hier:
http://spacecat90.antville.org/stories/2009274/
http://www.nerdcore.de/wp/2010/07/24/tote-auf-der-loveparade/
http://www.ruhrbarone.de/der-ruhrpilot-zur-loveparade/
http://www.spreeblick.com/2010/07/24/katastrophe-bei-der-loveparade-in-duisburg/
Quelle: http://www.blog-n-roll.net
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen